Montag, 9. September 2013

Ordinationspredigt 21.07.2013



Moin zusammen,

und dann möchte ich natürlich neben der Kurzvorstellung auch dem Blognamen gerecht werden. Die erste Predigteinstellung...
Diese Predigt habe ich am 21.07.2013 anlässlich meiner Ordination gehalten. Die Bibeltexte entstammen der Neuen Genfer Übersetzung.
Hören könnt ihr die Predigt hier.

Übrigens: unter http://lebenszeichen.eu/html/gottesdienst.html könnt ihr fast alle Gottesdienste unserer Gemeinde aus dem laufenden Jahr hören.

Fröhliche Grüße
Bernd



Liebe Gemeinde,

weiter geht es in unserer Predigtreihe zu Matthäus. Heute Matthäus 8, 23-27 – Die Stillung des Sturmes. Auf Seite 239 der Gottesdienstbibel im Neuen Testament. Ich lese die Neue Genfer Übersetzung

Der Sturm auf dem See

23 Daraufhin stieg Jesus in das Boot; seine Jünger folgten ihm, und sie fuhren los.
24 Plötzlich brach auf dem See ein heftiger Sturm los, sodass das Boot fast von den Wellen begraben wurde. Jesus aber schlief.
25 Die Jünger stürzten zu ihm und weckten ihn. »Herr«, schrien sie, »rette uns, wir sind verloren!«
26 Aber Jesus sagte zu ihnen: »Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen?« Dann stand er auf und wies den Wind und die Wellen in ihre Schranken. Da trat eine große Stille ein.
27 Die Leute aber fragten voller Staunen: »Wer ist das, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?«

Fünf Verse, fünf Gedanken

1. Daraufhin stieg Jesus in das Boot; seine Jünger folgten ihm, und sie fuhren los.

Israel, kurz nach der Bergpredigt.
Wunder geschehen. Aussätzige werden rein, Gelähmte gesund, Geister vertrieben.
Selbst ein Schriftgelehrter will Jesus nachfolgen.

Nachfolgen wollen auch die Jünger. Ohne zu zögern steigen sie hinter Jesus in das Boot.
In das Boot, das wohl ca. 9m lang, 2,5m breit und 1,25m hoch ist. Ausgestattet mit Mast, Segel und Platz für ca. 15 Personen. In 2010 wurde solch ein Boot in der Museumswerft Flensburg einmal nachgebaut. Beeindruckend. Für heutige Verhältnisse nichts anderes als ein kleine Nussschale.
Das Wetter scheint ordentlich, alles friedlich. Endlich aus der Menschenmenge raus, nur unter sich sein. Mit Jesus allein. Die Jünger freuen sich darauf. Eine lebensfrohe Gemeinschaft, die da aufbricht. Scherze werden gemacht, Familiäres ausgetauscht, die ein oder andere Glaubenserfahrung mitgeteilt, überlegt, was Jesus wohl mit der und der Aussage gemeint hat. Gut, Arbeit gehört auch dazu – losrudern, Segel setzen. Alltag halt. Und bei all dem Jesus mittendrin. Oder besser ‚auch anwesend’. Er hat sich nämlich rausgezogen aus dem fröhlichen Miteinander. Liegt jetzt in einer Ecke des Bootes und schläft. Tief und fest. Mittendrin, anwesend, aber nicht im Mittelpunkt.

Ich fühle mich an meinen Hauskreis erinnert: Zweimal im Monat treffen wir sechs Männer uns. Essen, trinken, reden, Familie, Glaube, Bibel… zwischendurch auch mal gemeinsam renovieren – Gott feiern, Leben teilen, für Menschen da sein – unser Gemeindemotto – wird dort mit Inhalt gefüllt. Und wenn es heißt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ so wissen wir Jesus im Hauskreis bei uns, reden mit und über ihn – aber manchmal kommt der leise Verdacht auf, das wir uns zwar auf Jesus einlassen möchten, mit ihm leben wollen, das aber nach außen, in den Alltag hinein, manchmal gar nicht so stark wahrnehmbar ist.
Und doch ist da unser Vertrauen, das Jesus uns begleitet, mit uns geht, für uns da ist. Es erscheint so nebensächlich, so klein, so bedeutungslos. Aber genau das macht es aus. Macht ihn aus. Eben bis in die Langeweile des Alltags hinein begleitet uns Jesus. Nicht nur in den Hoch- und Tiefzeiten, sondern auch da, wo scheinbar alles im Fluß ist, seinen geregelten Gang geht, wo Normalität herrscht.

Aber wie bei so vielen kleinen Dingen im Leben – was sie bedeuten merken wir erst, wenn sie dann fehlen. Dann erst wird uns ihre wahre Größe klar, ihre Bedeutung für unser Leben.

2. Plötzlich brach auf dem See ein heftiger Sturm los, sodass das Boot fast von den Wellen begraben wurde. Jesus aber schlief.

Ein heftiger Sturm kommt also auf. Von jetzt auf gleich. Am See Genezareth nichts Ungewöhnliches. Selbst in unseren Breiten kennen wir das mittlerweile. Denken wir nur zurück an das Hochwasser im Juni, an die Starkregen, die wir sogar hier in Wuppertal als ungewöhnlich erlebt haben. Bedrückend, wie es innerhalb kürzester Zeit sehr dunkel wird und dann die Naturgewalten losbrechen. Da kann einem schon mulmig werden. Angst und Bange kann einem werden.

Symbolisch kann ich diesen Sturm auch für mein Leben sehen. Von jetzt auf gleich aus der Bahn geworfen. Da teilte mir mein früherer Arbeitgeber mit: „Herr Böth, wir lösen ihre Abteilung auf“. Ohne Vorwarnung tauchte das wirtschaftliche Aus einer fünfköpfigen Familie vor meinem inneren Auge auf. Letzten Sommer sagt mir der Radiologe: „Herr Böth, ich rede nicht lange drum rum, sie haben einen Tumor in der Lunge.“ Diesmal steht nicht die wirtschaftliche Angst im Vordergrund, sondern Todesangst.

Als wir im Hauskreis über Stürme des Lebens sprachen stellten wir fest, das jeder von uns das anders wahrnimmt. Was ein richtiger Sturm ist und was ein Sturm im Wasserglas, ist auch abhängig von der eigenen Verfassung. Ob Arbeitslosigkeit oder Krankheit, familiäre Probleme oder beruflicher Misserfolg, Beziehungskrisen oder Selbstzweifel. Manchmal gelingt es gut mit den Stürmen fertig zu werden, sich rechtzeitig Schutz zu suchen, manchmal steht man sprichwörtlich im Regen, fühlt sich von allen verlassen und könnte Rotz und Wasser heulen. Das ist der Moment, wo dann auch Jesus zu schlafen scheint. Und er schläft ja auch tatsächlich. Er, der sich so geborgen fühlt bei Gott, seinem Vater, dass er trotz aller Turbulenzen schlafen kann. So geborgen möchte ich mich auch fühlen. Aber irgendwie klappt das nicht. Wie gesagt: manchmal kommt der leise Verdacht auf, das ich mich zwar auf Jesus einlassen möchte, mit ihm leben will, das aber nach außen, in den Alltag hinein, manchmal gar nicht so stark wahrnehmbar ist.



3. Die Jünger stürzten zu ihm und weckten ihn. »Herr«, schrien sie, »rette uns, wir sind verloren!«

Die Jünger verhalten sich da gar nicht so anders. Eben noch mit ihrem Alltag beschäftigt, in ihrem Kreis zufrieden und dann bricht dieser Sturm ganz unvermittelt über sie herein. Angesichts der Bedrohung durch den Sturm werden sie hektisch. Sie stürzen zu Jesus, rütteln und schütteln ihn, um ihn zu wecken, flehen ihn an: Rette uns!

Dem Ruf der Jünger habe ich mich in den eben genannten Situationen nur zu gern angeschlossen. Die Telefonnummer Gottes fällt mir dazu ein: 5015. In Psalm 50, 15 steht „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten“. Not habe ich, verloren bin ich. Arbeitsplatz weg, Krebs auf dem Vormarsch. Wer außer Jesus kann mich da retten? Und wer außer Gott hat mir das versprochen? Not lehrt beten, heißt es. Wie wahr.

Und wenn wir Gebetsgemeinschaft haben im Hauskreis ist da oft die Fürbitte im Vordergrund. Die Bitte an Gott einzugreifen, die Stürme des Lebens zu stillen, Menschen aus den als schwierig erlebten Phasen zu retten und zu erlösen. Jesus rettendes Handeln wird da eingefordert. Schließlich hat er es doch versprochen.

4. Aber Jesus sagte zu ihnen: »Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen?« Dann stand er auf und wies den Wind und die Wellen in ihre Schranken. Da trat eine große Stille ein.

Und Jesus hält Wort. Doch vorher erteilt er den Jüngern noch eine Lektion in Sachen Glauben. Nicht wütend wird er dabei gewesen sein. Nein, eher traurig, denke ich. „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“ heißt es in Jes. 41,10. Diese Zusage werden die Jünger gekannt haben. Sie im Alltag umzusetzen ist aber eine ganz andere Sache.

Geht es mir nicht oft genauso? Angst, Kleinglaube, manchmal sogar Unglaube durchzieht mein Leben. Gerade dann, wenn es eben nicht so läuft, wie ich mir das erhoffe. Mit Jesus ist eben nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Ich hätte gerne, das es mir als Christ leichter fällt durchs Leben zu gehen. Es nicht mit so vielen Schwierigkeiten belastet ist. Aber das ist unrealistisch. Nirgends hat Gott mir das versprochen. Versprochen hat er: „Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt“ (Mt. 28,20). Und dann ist sein Frage nach dem ‚Warum’ berechtigt. Warum blicke ich dann nicht auf Jesus, sondern blicke auf den Sturm, der sich da über mir austobt? In Hebr. 12,2 steht: „Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens“. „den Wegbereiter des Glaubens“ wie es in der NGÜ übersetzt wird.

Natürlich, einfach ist das nicht umzusetzen. Dafür bin ich Mensch. Aber mutmachend ist es. Wir leben ‚als Menschen im Spannungsfeld zwischen Angst und Vertrauen’ schreibt Christoph Ramstein. Von der Angst lassen wir uns oft bestimmen. Das Vertrauen ist weitaus schwieriger. Jesus enttäuscht dieses Vertrauen nicht. Er steht auf, spricht und der Sturm schweigt. Wie zu Anbeginn der Welt Gott selbst: Und Gott sprach es werde…und Gott sah, es war gut.
Es war gut, es ist gut, es wird gut - im Vertrauen auf Jesus.

Wie ich selber feststellen durfte nicht immer auf die Art und Weise, die ich mir erträume, nicht immer direkt erkennbar.
Ich habe damals eine neue Arbeitsstelle gefunden. Habe gelernt, dass da auch nicht alles Gold war, was glänzte. Ich hatte zwar Arbeit, aber einfacher wurde das Leben als Familie dadurch nicht. Gelernt habe ich aber: Gott spricht. Mitten hinein in mein Leben. Nicht immer bequem, manchmal leise, aber immer zu meinem Besten.
Auch die Krebsdiagnose stellte sich als falsch heraus. Hat Gott die Gebete erhört? Die Fürbitte des Hauskreises, des Gebetskreises? Oder war es einfach eine Fehldiagnose? Entscheidend für mich ist, dass Gott diesen Sturm auch beruhigt hat. Manchmal muss er mir eben auf die harte Tour zeigen, was er Gutes für mich möchte. Eine Lektion in Sachen Glauben. Das ist nicht leicht. Und ich weiß aus leidvoller Erfahrung, dass eben auch nicht alle Stürme in meinem Leben glimpflich ausgegangen sind.

Und doch, ich möchte versuchen mich eher von dem Vertrauen als von der Angst bestimmen zu lassen. Eben weil ich Jesus nachfolgen möchte, weil ich mit ihm in einem Boot sitzen will.


5. Die Leute aber fragten voller Staunen: »Wer ist das, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?«

Eigentlich hätte die Geschichte von der Sturmstillung jetzt ja zu Ende sein können. Aber sie geht weiter. Die Geschehnisse auf dem See Genezareth sprechen nämlich nicht nur die Jünger an. Die werden froh gewesen sein, dass alles unfallfrei ausging. Und davon müssen sie erzählt haben. Was begeistert, davon wird weitererzählt. Und es löst bei den Hörenden etwas aus. Sie kommen ins Staunen über diese Geschichte. Sie wollen mehr wissen über diese Person, die über den Naturgesetzen steht.

Manchmal kommt der leise Verdacht auf, das wir uns zwar auf Jesus einlassen möchten, mit ihm leben wollen, das aber nach außen, in den Alltag hinein, manchmal gar nicht so stark wahrnehmbar ist.

Vielleicht ist es ja genau andersrum. Vielleicht nehmen Menschen um uns herum vielmehr wahr, dass wir uns auf Jesus einlassen möchten. Vielleicht sind es gerade die Nichtchristen, denen wir begegnen, die erstaunt sind über manche Verhaltensweisen, manche Erzählungen von uns. Von sich aus kommen sie aber gar nicht auf die Idee, das anzusprechen. Wie auch. In Verbindung mit Gott können sie es ja auch nicht bringen, das ist ja nicht ihre Lebenswirklichkeit. Wenn ich an anderer Stelle als in der Gemeinde von der Fehldiagnose spreche, dann kommt meistens ein: „Puh, Glück gehabt, freue dich.“ Ehrlich gemeint, erleichternd gemeint – aber eben nicht mit Gott in Zusammenhang gebracht. Für viele ist es eben eine Fehldiagnose und kein Handeln Gottes. Erst wenn ich das in einen Zusammenhang bringe fängt vielleicht ein Nachdenken darüber an. Fängt das Staunen und Nachfragen an.

Das fordert doch geradezu heraus von unseren Erlebnissen mit Gott zu erzählen.

Wer, wenn nicht wir, soll denn Jesus rettendes Handeln erklären können so das es verständlich wird für den Alltag.

Wunder geschehen. Aussätzige werden rein, Gelähmte gesund, Geister vertrieben.
Heute noch. Mitten in unserer Welt.

Das dürfen wir weitererzählen. Damit daraus dann Glaube und Vertrauen in Gott folgt. Bei allen Menschen.

Amen