Sonntag, 5. Februar 2017

Wie wir in einer Gemeinde miteinander umgehen sollten...

Moin zusammen,

das ist gar nicht so einfach in einer Gemeinde. Da sind nicht nur Menschen, die ich mag. Nein, da sind auch Menschen, mit denen ich es nicht so kann.

Im 1. Johannesbrief gibt es einen Abschnitt dazu. Und davon handelt auch die Predigt heute.

Fröhliche Grüße
Bernd



Lieber Vater, schenk uns ein Herz für dein Wort und dein Wort für unser Herz. Amen

Liebe Gemeinde,

das Thema unter dem das Gemeindewochenende und der heutige Gottesdienst stehen ist der Auftakt zu einer dreiteiligen Predigtreihe zum Thema „Gemeindekultur“.

Heute
1. Joh 4,7-12: Gemeindekultur - Umgang untereinander

Am 19. Februar Phil 2,1-5: Gemeindekultur - Leitbild Jesus.

Und zum Abschluss Lk 17,3-7: Gemeindekultur - Fokus Auftrag.

Heute also 1. Johannes 4, die Verse 7-12.

Die Liebe Gottes und die Liebe untereinander

7 Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott.
8 Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe.
9 Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.
10 Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
11 Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.
12 Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.


„Ich denk' gern' zurück
an die Zeit von Harmonie und Glück,
als ich täglich in ein Poesiealbum schrieb:
Piep, piep, piep, ich hab' Dich lieb.“
Das hat vor fast 20 Jahren Guildo Horn beim Eurovision Song Contest (Grand prix Eurovision de la Chanson) gesungen.

‚Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben’. So beginnt der Text. Und als ich den Predigttext in der Vorbereitung das erste Mal gelesen habe, dachte ich sofort an Guildos Text und ein kleines Experiment. Wir fassen uns jetzt alle mal an den Händen, sprechen ‚Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb’, und halten uns bis zum Ende der Predigt fest. Mal sehen, wer wie lange durchhält.
Nein – keine Angst. Ich mag es auch nicht, wenn ich im Gottesdienst zu solchen Aktionen aufgerufen werde. Deshalb machen wir das auch nicht. Aber so ein bisschen erinnert mich unser Predigttext an solch eine Vertrauensübung.

Weiter geht es mit „Denn Gott ist Liebe“. Um Gottes Liebe geht es.

Und dann noch: „So sollen wir uns auch untereinander lieben.“ Das wird in dem Text gefordert.

Ein Text also, der fast mehr Fragen aufwirft, als das er Antworten gibt. Ich will versuchen in drei Abschnitten den Text für uns zu öffnen: Menschenliebe, Gottesliebe, Gemeindeliebe

1. Menschenliebe

Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben’.
Laut Duden ist Liebe unter anderem ein „starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem [nahestehenden] Menschen auf starker körperlicher, geistiger, seelischer Anziehung beruhende Bindung an einen bestimmten Menschen, verbunden mit dem Wunsch nach Zusammensein, Hingabe o. Ä.“
Lieb wird beschrieben als „Liebe, Freundlichkeit, Zuneigung, Herzlichkeit zum Ausdruck bringend“ „durch seine liebenswerte, angenehme Wesensart, Freundlichkeit Zuneigung auf sich ziehend“ oder „mit seinem Verhalten Freude bereitend“ und „(besonders österreichisch) gefällig, nett, liebenswert (auch von Gegenständen)“ sein. Dazu kommt noch „jemandes Liebe, Zuneigung besitzend; geliebt, geschätzt“ und „willkommen, angenehm“ sein.

Nett und freundlich wollen wir miteinander umgehen. Konfliktfrei, ohne Streit, völlig harmonisch leben. Den anderen annehmen, wie er ist. Wertschätzend, achtsam, barmherzig mit jedem umgehen.
Ist es das, was wir Menschen unter Liebe verstehen?
Es gibt doch so viele Spielarten von Liebe.
Die Liebe zu meinen Eltern, meiner Frau, meinen Kindern, meinen Freunden. Vier unterschiedliche Lieben meines Lebens.

Meine Eltern konnte ich mir nicht aussuchen, ich bin als Ausdruck ihrer großen Liebe zur Welt gekommen.
Meine Frau habe ich kennen und lieben gelernt. Und zwar diese eine Frau und keine andere.
Meine Kinder sind aus der Liebe zu und mit meiner Frau entstanden.
Meine Freunde habe ich mir ausgesucht. Ich habe sie näher kennengelernt und weil die Chemie stimmte und wir ähnliche Interessen haben sind wir zusammengeblieben.

Ohne Konflikte, voller Harmonie sind diese Lieben meines Lebens allerdings nicht.

Mit meinen Eltern habe ich manchen Strauß in der Vergangenheit ausgefochten. Wir haben eben nicht immer dieselben Ansichten, sind unterschiedlicher Meinung über christliche, soziale oder politische Vorstellungen.

Menschen aus dieser Gemeinde gaben uns zur Hochzeit den Ratschlag niemals die Sonne über einen Streit untergehen zu lassen. Ehrlich gesagt habe zumindest ich das nicht jedes Mal auf die Reihe bekommen. Aber wir haben immer einen gemeinsamen Weg gefunden unsere Konflikte zu lösen.

Mit meinen Kindern habe ich auch immer wieder mal Streit. Unterschiedliche Auffassungen von Erziehung, pubertäres Kindergebaren und väterliches Rechthabenwollen spielen da die größte Rolle. Aber zum Glück werden wir gemeinsam älter und weiser.
Selbst der Umgang mit meinen selbstgewählten Freunden ist nicht konfliktlos. Manches Verhalten wird nicht verstanden.

Aber lieb habe ich alle Menschen aus diesen vier Bereichen.
Und ich denke, dass das umgekehrt genauso ist. Meine Familie und meine Freunde haben mich auch lieb. Und aus diesem liebhaben, dieser Liebe zueinander, erwächst eine Kultur. Ich darf Dinge sagen, die ich eben nicht allen Menschen sagen kann. Ich kann auch Dinge hören, die mir nicht alle Menschen sagen dürfen.

Für mich sind die vorgenannten Dinge gute Ausprägungen der Liebe. Aber eben auch begrenzte Ausprägungen. Es ist ja auch eine begrenzte Anzahl an Menschen mit denen ich diese Liebe lebe.

Manche Menschen mögen das Vorgenannte anders sehen. Es gibt Menschen, die Liebe anders definieren, die eine starke Eigenliebe in den Vordergrund stellen, die Unterordnung damit verbinden, vielleicht sogar Abhängigkeit.
Menschenliebe hat viele Schattierungen. Und in meiner Bewertung eben auch manche Spielarten, die ich nicht verstehe, manchmal sogar nicht gutheiße.
Menschenliebe ist immer abhängig von dem Menschen, der liebt,  und dem Menschen, der geliebt wird. Das ist ein Unterschied zu der Gottesliebe.
Und der widmen wir uns jetzt.

2. Gottesliebe

„Gott ist Liebe“. Reine, unschuldige Liebe. Wobei rein und unschuldig schon Eigenschaften sind, die ich als Mensch der Liebe zuspreche. A. Schlatter hat in seinen Erläuterungen zum NT Bd. 10 gesagt: „Was wir über Gott sagen und denken, nimmt notwendiger Weise unsere eigene Farbe an, und das ist eine falsche Farbe, die ihn entstellt und unsere Gedanken über ihn unwahr macht…Wer in seiner leeren, nichtigen Selbstsucht eingeschlossen ist, denkt sich auch die Welt hohl…Er macht sich eine Welt und einen Gott, wie sie seine Selbstsucht nicht stören, sondern ihr dienlich sind, und ist darum auch gegen alle Zeugnisse, durch die Gottes Gnade zu uns redet und unter uns wirkt, blind.“

„Gott ist Liebe“. Und ich als Mensch kann das nicht verstehen. Weil Gott das aber weiß, hat er Jesus in die Welt geschickt, hat ihn für mich am Kreuz jämmerlich sterben lassen.
„Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.“ Hier kommt es klar zum Ausdruck: Nicht ich, nicht wir können Gottes Liebe nachvollziehen.
Oder wie es Werner de Boor in der Wuppertaler Studienbibel schreibt: „Nicht wir haben Gott geliebt, nicht wir haben das große Gebot der Liebe zu Gott erfüllt. Darin liegt unsere Wesenssünde, aus der alle Einzelsünden folgen…Daraus kann uns…keine Anstrengung, Gott zu lieben, heraushelfen.“

„Gott ist Liebe“. Weil er das ist, hat er die Welt geschaffen, hat er uns Menschen geschaffen. Wir sind Ausdruck seiner Liebe. Deshalb sorgt er für uns, deshalb begleitet er uns. Aber deshalb lässt er uns auch die freie Entscheidung. Gott ist Liebe, wie sie in 1. Kor. 13 beschrieben wird: „4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,
5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;
7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“
Egal was geschieht, egal wie ich als Mensch mich verhalte, welche Irrwege ich in Gottes Augen gehe: er ist Liebe. Er hält mir die Treue.

Gottesliebe ist mit menschlichen Worten einfach nicht erklärbar. Sie ist mit menschlichem Verstand nicht fassbar. „Doch weil Gott Liebe ist, können wir sicher sein, dass die Wechselfälle des Lebens nicht das letzte Wort behalten, sondern dass die Liebe Gottes das Gleichgewicht des Lebens wiederherstellen wird.“ (W. Barclay)

Wir haben also Menschenliebe und Gottesliebe.
Die eine bereitet uns immer wieder Schwierigkeiten. Wir verzweifeln oft an ihr, wollen mal zuviel und mal zu wenig.
Die andere hilft, trotz allem leben zu können.
Und jetzt kommt noch eine dritte hinzu.

3. Gemeindeliebe

Gemeinde ist ja ein Ort, an dem unterschiedliche Menschen zusammenkommen. In Heckinghausen schon sehr lange und seit 1997 unter dem Leitmotiv „Gott feiern, Leben teilen, für Menschen da sein“.
Dieses Leitmotiv mit Leben zu füllen ist unser Bestreben als Gemeinde. Damit Gott sichtbar wird in Heckinghausen.

Allerdings sagt uns Johannes „Niemand hat Gott jemals gesehen.“ Stimmt. Keiner von hat jemals Gott gesehen. Da stehen wir in der Tradition Mose (2. Mo 33, 15-20) und aller nachfolgenden Generationen. Niemand hat jemals Gott gesehen heißt auch, niemand  kann mit Endgültigkeit sagen, wie Gott unser Leben, unser Verhalten bewertet. Ob er es überhaupt bewertet. Sichtbar wird aber in Heckinghausen, wie wir als Gemeindeglieder Gottes Liebe ausdrücken. Wie wir in Wort und Tat versuchen ihn im Stadtteil bekannt zu machen und dazu aufrufen ihm nachzufolgen.

Hilfreich dabei wäre es, wenn „wir uns auch untereinander lieben“. In der Elberfelder Übersetzung heißt es noch treffender „wenn Gott uns so geliebt hat, sind auch wir schuldig, einander zu lieben“. Nochmal Werner de Boor: „Wer diese Liebe wirklich erfährt und annimmt, der kann gar nicht anders, als nun auch seinerseits zu lieben. Er ist das der erfahrenen Liebe Gottes schuldig. Und doch können wir leider auch immer wieder lieblos sein und brauchen die eindringliche Erinnerung an unsere Schuldigkeit, wie sie Johannes den Gemeinden hier gibt. Dabei wird unsere Liebe untereinander etwas von der besonderen Art der Liebe Gottes an sich haben und tragende, vergebende, erbarmende, zurechthelfende Liebe sein müssen.“

Und wenn das geschieht, so bleibt Gott in uns.
Das heißt, Gott ist mir nahe, wenn ich mein Gegenüber liebe. In all seinen Facetten. Ich spüre dann Gottes Nähe. Weil ich etwas von Gottes Wesen erfahre. Und kann es Schöneres geben, als Gott zu spüren? Ganz nahe?
Schaut euch um. Wie viele Leute sitzen hier, die sich nicht lieben? Die sich nicht mögen? Die einfach nichts voneinander wissen, was zu einer liebenden Beziehung führen könnte? Die gemeinsam Gott feiern, aber eben nicht Leben teilen?
Und alle sind Menschen, die Gottes Liebe antreibt.

Wie könnte also ein Umgang miteinander aussehen, der das verändert? Der Gottes Liebe sichtbar werden lässt?
Gehören gegenseitiger Respekt, Achtung, Wertschätzung, Achtsamkeit und Barmherzigkeit zu einem liebevollen Umgang miteinander dazu?
Vielleicht auch manchmal Ermahnung, Zurechtweisung, Grenzen setzen?
Ist es wichtig, sich nicht über den anderen zu stellen, den anderen mit allen Charakterstärken und auch Charakterschwächen anzunehmen?

Diese Fragen muss jeder für sich beantworten. Da gibt es keine bindende Antwort drauf. Wir sollten nur bedenken: Gemeinde lebt von unterschiedlichen Ansichten, verschiedenen Lebensentwürfen. Sie lebt eben durch die Verschiedenheit der einzelnen Menschen, die sie bilden.

„Wenn wir wie Gott lieben könnten, würden wir unabhängig werden von unseren Gefühlen und Stimmungen, von unseren Sympathien und Abneigungen und Bedenken. Wir würden Fehler und Schwächen ertragen lernen, die eigenen und die der anderen. Und wir würden Altes nicht aufrechnen. Wir würden für alle da sein können, die uns brauchen, ganz gleich, ob sie nach menschlichem Ermessen unsere Liebe verdient haben oder nicht.“ Das schreibt die Schweizer Prädikantin Dagmar Magold.

Ein guter Tipp für den Umgang miteinander in unserer Gemeinde.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unseren Herrn.