Sonntag, 1. Juni 2014

Sola gratia - Allein aus Gnade

Moin zusammen,

schwach sein dürfen, gnädig behandelt werden, getragen werden, anerkannt sein. Das wünschen wir uns doch alle.
Die Erfahrung lehrt uns in der heutigen Gesellschaft oft das Gegenteil. Selbst in Gemeinden, unter Christen ist nicht alles Gold, was glänzt.
Paulus hat mit seinem Text da etwas gegenzusetzen. Sola gratia - allein aus Gnade. Gottes Geschenk an uns. Danke Herr!

Fröhliche Grüße
Bernd





Lieber Vater, schenke Reden, Hören und Verstehen durch deinen Heiligen Geist. Komm Heiliger Geist. Amen

Liebe Gemeinde,

heute ist der 6. Sonntag nach Ostern. Der letzte Sonntag vor Pfingsten. Exaudi – „Höre meine Stimme“ lautet sein Name.
„Höre meine Stimme“ das ist es doch auch, was ich mir oft sehnlich für mein Leben wünsche. Und neben der Stimme möchte ich auch Gottes Handeln in meinem Leben wahrnehmen.

Unser heutiger Predigttext mag dafür Hilfestellung leisten. Er steht in Röm. 8, 26-30. In der Gottesdienstbibel auf Seite 187 im Neuen Testament.

26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.
27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.
28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.
29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.
30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Gerade ist Christi Himmelfahrt vorbei. Die Jünger „aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.“ (Mk 16, 20) Oder „Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.“ (Lk 24,52f).
Dabei lebten sie in der Naherwartung. Der Erwartung, dass noch zu ihren Lebzeiten Jesus wiederkäme und dann Gottes Reich endgültig sei. Fast 30 Jahre ist es her seit Jesus gestorben und auferstanden ist. Und in diesen 30 Jahren hat sich das
Glaubensleben der ersten Christen bestimmt verändert. So wie sich mein, wie sich unser Glaubensleben, auch mit den Jahren verändert hat. Es gab Höhen und Tiefen. Momente, in denen Gott ganz nahe und spürbar war. Aber eben auch Zeiten in denen Gott weit entfernt, wenn nicht sogar komplett abwesend erschien.
In diesem 8. Kapitel des Römerbriefes wird Mut gemacht. Beginnend mit Vers 1 in dem es heißt: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ Und es endet mit der Gewissheit „dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Herrn.“
Paulus missioniert in diesem Brief nicht, Paulus schreibt an Christen, an Menschen, die mit Jesus leben wollen, die Jesus Weg nachfolgen möchten. Paulus schreibt damit über die Jahrhunderte hinweg auch an uns heute in diesem Gottesdienst. An uns als Christen. Denn, wie Luther sagt: „Wir finden in dieser Epistel aufs allerreichlichste, was ein Christ wissen soll, nämlich: was Gesetz, Evangelium, Sünde, Strafe, Gnade, Glaube, Gerechtigkeit, Christus, Gott, gute Werke, Liebe, Hoffnung, Kreuz sei; auch das, wie wir uns gegen jedermann, er sei fromm oder Sünder, stark oder schwach, Freund oder Feind, und gegen uns selber verhalten sollen…“

Dazu zwei Gedanken aus dem Text.

1. Unsere Schwachheit – und was daraus folgt

26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.
27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.

Wir wissen nicht, was wir beten sollen. So schreibt es Paulus hier. Dabei haben wir von Jesus selber doch das Gebet gelehrt bekommen, das wir beten sollen: „Unser Vater im Himmel…“ Reicht das etwa nicht aus?
Für Paulus nicht. Denn ihm ist etwas Wesentliches klar geworden: Beten, „wie sich’s gebührt“ ist eben nicht das Nachsprechen eine auswendig gelernten Textes. Beten ist mehr, nämlich Reden mit Gott. Und da hakt es eben manchmal bei uns Menschen. Ich habe manchmal den Eindruck, mein Beten ist eher Selbstgespräch oder Pflichtbewusstsein als sprechen mit einem Gegenüber. Und mir fehlen manchmal auch die Worte das auszudrücken, was ich tatsächlich meine und fühle und an Gott abgeben, ihm sagen möchte. Paulus macht mir das nicht zum Vorwurf. Er hat erkannt, dass zum Beten eben noch mehr gehört. Das ich das eben nicht einfach kann, nur weil ich Christ bin, sondern dass ich es kann, weil „der Geist selbst [mich] vertritt…mit unaussprechlichem Seufzen“.
Und dann reicht auch wieder das „Unser Vater“.
Wie tröstlich ist das. Ich darf mir eingestehen keine eigenen Worte zu haben. Ich muss nicht das letzte Wort haben. Ich muss auch nicht wortreich erklären, warum  ich doch der Stärkere oder Bessere oder einfach nur Glücklichere bin. Nein! Ich darf zulassen schwach zu sein, nicht alles in der Hand zu haben. Denn ich habe jemanden, der mich dann an die Hand nimmt. Nicht umsonst hat Jesus uns gelehrt „Dein Wille geschehe“ zu beten. Ich weiß nicht, was mir gut tut, ich weiß nicht, wie ich meine eigenen Schwächen, meine Sorgen ausdrücken soll (wenn ich sie überhaupt erkenne). Aber Gott selbst weiß das. Er hat mich geschaffen, er weiß um mich noch vor meiner Geburt, genauso wie er um meine Gegenwart und Zukunft weiß. Wenn der heutige Predigttext im Gemeindebrief überschrieben ist mit „Berufen zum Heil“, dann gehört auch das zu diesem Heil. Heil ist gerettet werden, gerettet bleiben – nicht aus eigener Kraft, sondern durch die Kraft Gottes. Meine Schwachheit wird aufgehoben durch die Kraft Gottes. Meine Schwachheit wird angesehen durch Jesus Christus. Meiner Schwachheit wird aufgeholfen durch den Geist. Und so ganz nebenbei lerne ich, dass Gott mir in dreifacher Gestalt begegnet. Der dreieinige Gott ist ganz bei mir.
Das ist eben die Folge unserer menschlichen Schwachheit: Wir sind näher bei Gott, spüren seine Liebe stärker. „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Kor. 12, 9) Dank des Geistes und seiner Hilfe.

2. Unser Wissen – und seine Gnade

28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.
29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.
30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Da sind wir nun also durch die Kraft Gottes gerettet worden. Unser Leben zeigt in der Rückschau immer wieder, dass die bestmöglichen Wege gegangen wurden mit seiner Hilfe. Er hat uns Freiraum gelassen, er hat sich uns nicht aufgedrängt, aber er hat immer wieder seine schützende Hand über uns gehalten. Hat uns getragen, wo wir nicht weitergehen konnten. Und das wissen wir auch und gerade als Christen. Deshalb schreibt Paulus von „denen, die Gott lieben“. Also von denen, die sich willentlich zu Gott bekannt haben. Dieser erste Teil von Vers 28 macht das deutlich.

Aber es geht ja noch weiter. „Nach seinem Ratschluss berufen“, „ausersehen“, „vorherbestimmt“. Da könnte ja die Idee aufkommen ‚Ach so, alles schon vorab bestimmt, da muss ich mich ja nicht anstrengend bzw. da muss ich mich ja gar nicht entscheiden; muss mein Leben nicht mehr kontrollieren und hinterfragen.’
Aber weit gefehlt. Das was damit ausgedrückt werden soll ist, das Gott einen Plan hat. Bei Amos heißt es „Aus allen Geschlechtern auf Erden habe ich allein euch erkannt“. „Berufen“, „ausersehen“, „vorherbestimmt“; Paulus beschreibt hier welche Vorstellungen Gott hat, welche Pläne er mit uns Menschen verfolgt. Er schreibt das auch, um klar zu machen, dass unsere Berufung nicht eine höhere Wertigkeit besitzt oder sogar aus uns selber heraus gewollt ist oder war. Nein, Gott selbst hat uns berufen. Er ist uns nahe. Näher als ein Mensch es je sein kann. Von Anfang an, im Mutterleib, zu allen Zeiten. Und trotzdem: ob wir seinen Ruf hören, ob wir ihm folgen, bleibt immer noch freiem Willen unterstellt.

Menschlich ist das nicht nachvollziehbar. Der Verstand macht da nicht mit. Gott hat mich erkannt? Er hat etwas vor mit mir? Und deshalb bin ich gerecht? Deshalb darf ich sein Kind sein? Ich bekomme also etwas geschenkt, ganz ohne mein Zutun. In der heutigen Gesellschaft doch nahezu undenkbar. Meistens wird doch eine Gegenleistung erwartet. Stimmt! Zumindest für die Gesellschaft.
Aber eben nicht bei Gott. Das hat er nicht nötig. Im Gegenteil: er teilt aus mit vollen Händen. Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Im Abendmahl dürfen wir das erfahren. Noch mal: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Kor. 12, 9). Aus Gnade gerecht. Weil Gott gnädig ist. Das ist eine Erklärung des Paulus. Sola gratia, allein aus Gnade. Von Gott geschenkt. Und eben nicht aus menschlichen Werken, nicht durch menschliche Leistung.

Im Heidelberger Katechismus wird das mit der Frage 61 verdeutlicht:
„Warum sagst du, dass du allein durch den Glauben gerecht bist?
Antwort: Ich gefalle Gott nicht deswegen, weil mein Glaube ein verdienstvolles Werk wäre. Allein die Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi ist meine Gerechtigkeit vor Gott. Ich kann sie nicht anders als durch den Glauben annehmen und mir zueignen.“

Annehmen und zueignen. Das sind Schlüsselwörter für unseren Glauben. Da müssen wir aktiv werden. Selber etwas unternehmen. Ein einziges Mal. Zu Gott JA sagen. Und dann missioniert Paulus ja doch in diesem Brief. Er fordert heraus, fordert auf. Er erinnert an das eine, das im Leben zählt: Mein persönliches JA zu Gott. Dein persönliches JA. Dann werden uns alle Dinge zum Besten dienen. Exaudi – „Höre meine Stimme“. Lasst uns darauf antworten. Denn wir sind berufen zum Heil.

Amen